Was Friedrich Merz jetzt tun sollte

author
Dr. Louis Perron
blog post louis

Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn Medien und Öffentlichkeit eine Regierung nach einem Jahr im Amt nicht scharf kritisieren würden. Ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass das die Regel ist. Bei der rot-grünen Regierung unter der Führung von Gerhard Schröder vor knapp dreissig Jahren wurde in den Medien permanent von Fehlstart gesprochen. Heute sieht man vor allem die grossen Reformen, welche in relativ kurzer Zeit auf den Weg gebracht wurden. Helmut Kohl war am Anfang seiner Kanzlerschaft nicht der Kanzler der deutschen Einheit, sondern ein Provinzler, der dafür kritisiert wurde, Probleme vor allem auszusitzen. Wenn Friedrich Merz mein Kunde wäre, würde ich ihm zuerst einmal sagen, dass er die momentane Kritik zwar ernst nehmen, sich davon aber sicher nicht verunsichern lassen sollte.

Friedrich Merz wirkt auf viele uncharismatisch und bieder. Das Gute für Merz ist, dass dies im Hinblick auf die nächsten Bundestagswahlen aber keine Rolle mehr spielen wird. Ich benutze im Gespräch mit Kunden immer folgende Analogie: Wenn man sich um eine neue Stelle bewirbt, ist der Lebenslauf wichtig und wird im Detail besprochen. Zum Qualifikationsgespräch bringt man ihn gar nicht mehr erst mit. Das Einzige, was zählt, ist die Leistung. Auf die Politik übersetzt, heisst das für die Bundestagswahlen 2029: Ideal wäre es für Merz und die CDU, wenn die Wirtschaft bis 2029 wieder ein bischen besser laufen würde.

Wenn das nicht der Fall sein sollte (was momentan ein wahrscheinliches Szenario ist), dann wäre es gut, wenn die Menschen wenigstens denken, dass die Konkurrenz die Probleme nicht besser lösen würde. Mit Blick auf die Umfragen ist also die Kompetenzvermutung wichtiger als die sogenannte Sonntagsfrage. Daran sollten Merz und sein Team arbeiten.

In der Politik ist es zudem immer gut, wenn man mangels Alternative gebraucht wird. Und ich sehe im Moment keine Alternative zur CDU als Regierungspartei. Lars Klingbeil ist ein hoch begabter Konkursverwalter. Aber die SPD hat es geschafft, innerhalb einer Generation praktisch zwei Drittel ihrer Wähler zu verlieren. Die Gefahr, dass sie in die Bedeutungslosigkeit verschwindet, ist grösser, als dass sie die CDU überholen würde. Die AfD macht (von mir aus gesehen leider) keinerlei Anstalten, auch nur einen Prozess beginnen zu wollen, an dessen Ende einmal Regierungsfähigkeit und Regierungsverantwortung herauskommen.

Hingegen könnte Friedrich Merz es bereuen, dass er die parteiinterne Erneuerung nach der Ära Merkel nicht entschiedener vorangetrieben hat. Er verlässt sich wohl darauf, dass Deutschland sehr obrigkeitsgläubig ist. Es herrscht nicht das britische Selbstverständnis, wo der Premierminister regelmässig von der eigenen Partei gestürzt wird, wenn die Umfragen schlecht stehen.

Friedrich Merz muss jetzt vor allem zeigen, dass er die Zügel im Griff hat. Die Regierung muss etwas zustande kriegen. Dabei muss es nicht unbedingt die grösste Knacknuss sein, aber es braucht entschiedenes Handeln und good News.

Wenn das auch nicht geht, hilft gelegentlich auch einfach ein externer Feind. In Kanada hatte Mark Carney seine (überraschende) Wiederwahl vor allem Donald Trump zu verdanken. Und das Drehbuch ist nicht neu. Gerhard Schröder war als Kanzler im Umfragetief, nutzte dann aber seine Opposition gegen den Krieg im Irak von US-Präsident George Bush geschickt für ein Comeback. Insofern ist der Zwist zwischen Donald Trump und Friedrich Merz zwar sicher schlecht für Deutschland, kommunikativ aber eine grosse Chance für den Bundeskanzler.

Sign up for my newsletter, The Campaign Doctor™, and get regular insights and takeaways on elections.

As a free gift, I'll send you my booklet "Seven Hot Tips to Win Elections in 2026"