Das Attentat auf Donald Trump, der Rückzug von Joe Biden und die Nominationen von J.D. Vance und Tim Walz haben den Präsidentschaftswahlkampf in den USA auf den Kopf gestellt. Zum jetzigen Zeitpunkt zeigen die Umfragen ein knappes Rennen mit leichtem Vorteil für Kamala Harris. Diesen Vorsprung dürfte sie nach dem Parteikongress von nächster Woche weiter ausbauen, aber trotzdem bin ich skeptisch.
Als Politikberater mit Kunden aus der ganzen Welt benutze ich Meinungsforschung sehr intensiv als Grundlage, um Kampagnen zu planen. Im Sinne einer Prognose des Resultates sind die Umfragen aus den USA zum jetzigen Zeitpunkt aber (nahezu) bedeutungslos.
Erstens sind die USA für Meinungsforschung ein schwieriger Markt. Die Umfrageinstitute haben mehrere Wahlzyklen hintereinander erheblich daneben gelegen. Seit dem überraschenden Wahlsieg von Donald Trump im Jahr 2016 haben die US-Meinungsforscher zwar immer wieder behauptet, dass sie die Ursachen der Fehleinschätzung beseitigt haben, aber ob ihnen das gelungen ist, bleibt abzuwarten. Denn die Probleme bei den Umfragen sind grundsätzlicher Natur.
Als ich vor 20 Jahren in den USA an der George Washington University Kampagnenmanagement studierte, ging man davon aus, dass Telefonumfragen diejenigen mit der höchsten Qualität seien. Aber seit Donald Trump mitspielt, geben die Wähler ihre wahren Wahlabsichten lieber in Online-Umfragen preis. Vielleicht schneidete Donald Trump während der letzten Monate in den Umfragen nur deshalb so gut ab, weil die Meinungsforschungsinstitute endlich aufgehört haben, ihn zu unterschätzen.
Die Kandidatur von Kamala Harris bringt zusätzliche, ähnliche Probleme mit sich. Der Stimmentanteil, welcher Harris in den Umfragen unter weissen Wählern erhält, kam sogar demokratischen Beratern suspekt vor. Ich gehe davon aus, dass viele weisse Wählerinnen und Wähler (insbesondere in Anbetracht des momentanen Medienhypes) nicht sagen wollen, dass sie nicht für Harris stimmen.
Es ist in der Branche auch üblich geworden, sich auf die Durchschnittswerte verschiedener Umfragen zu beziehen. Aber dieser Praxis liegt die Annahme zugrunde, dass die Stichprobengröße der Hauptfaktor für die Umfragequalität ist und die Meinungsforscher alle anderen Faktoren gleichermaßen unter Kontrolle haben. Das aber ist nicht notwendigerweise der Fall.
Das Herdenverhaltens der Experten ist ein zusätzliches Problem. Wenn alle im Fernsehen sagen, dass Hillary Clinton gewinnen wird (2016), dass es eine krasse Ablehnung von Trump bei den Wählern geben wird (2018), dass die Präsidentschaftswahl nicht knapp ausgehen wird (2020) oder dass die Demokraten keine Chance haben, die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu behaupten (2022), dann braucht man schon Mut, um gegen den Mainstream zu argumentieren.
Ein weiteres Problem ist die Gewichtung der Rohdaten. Experimente haben gezeigt, dass die Umfrageinstitute aus genau den gleichen gesammelten Rohdaten unterschiedliche Ergebnisse ableiten – bis hin zu einem anderen Wahlsieger.
Wichtig ist auch zu berücksichtigen, dass ein US-Präsidentschaftswahlkampf kein landesweiter Wahlkampf ist, sondern vielmehr in jedem einzelnen Bundesstaat separat geführt wird. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Stimmen man kriegt, sondern vor allem auch wo man sie ergattert. In wichtigen Swing States werden weniger Umfragen durchgeführt, aber die oben genannten Herausforderungen sind dort keineswegs geringer. Erfahrungsgemäss müsste Harris in den nationalen Umfragen einige Prozentpunkte vor Trump liegen, um einen plausiblen Weg zu 270 Elektorenstimmen zu haben.
Zu all den Problemen mit der Umfragemethodik kommt noch die Interpretation der Ergebnisse hinzu. Zum jetzigen Zeitpunkt, mehr als zwei Monate vor der Wahl, spielt es in Wirklichkeit keine Rolle, ob der eine Kandidat zwei Punkte vor oder hinter dem anderen Kandidaten liegt. Es muss immer eine gewisse Fehlerspanne berücksichtigt werden, und bis zur Wahl kann noch viel passieren. Wir wissen nicht, wie die Wähler dann die wirtschaftliche Lage beurteilen werden, wie sich die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen entwickeln, wie hoch die Wahlbeteiligung sein wird, welchen Einfluss die unabhängigen Third Party Candidates auswirken und vor allem, wer wirklich wählen geht. Wenn die letzten Wochen eines eindrücklich unter Beweis gestellt haben, dann die Tatsache, dass noch viel passieren kann.
Man könnte meinen, dass es immer besser sei, in den Umfragen vorne zu liegen, aber aufgrund meiner praktischen Erfahrungen als Wahlkampfstratege bin ich nicht dieser Ansicht. Kandidaten machen üblicherweise dann einen mutigen Schritt, wenn sie unter Druck stehen, nicht wenn sie bequem in Führung liegen. Insofern kann sich Vorsprung in den Umfragen als süßes Gift erweisen, das ein Wahlkampfteam gerade dann schläfrig werden lässt, wenn eigentlich entschlossenes Handeln nötig ist. Donald Trump zum Beispiel hätte nach dem Attentat die Möglichkeit gehabt, sich neu zu erfinden, hat das aber verpasst. Der Parteikongress und die Nomination seines Vizepräsidentschaftskandidaten erscheinen aus heutiger Sicht als verpasste Chancen.
In meiner Erfahrung als Politikberater während der letzten siebzehn Jahre haben Kandidaten und ihre Wahlkampfteams oft ein zwiespältiges Verhältnis zu Umfragen. Wenn ihnen die Ergebnisse gefallen, vergessen sie alle Einschränkungen, denen die Umfrageresultate unterliegen. Wenn nicht, verwerfen sie die Resultate komplett. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, und zum jetzigen Zeitpunkt zeigen die Umfragen im Prinzip nur, dass es ein knappes Rennen ist.
Eine frühere Version dieses Artikels ist beim U.S.-Magazin Newsweek erschienen.

